Tagebuch


Chronologie der antijüdischen Maßnahmen
in Berlin im Frühjahr 1933

Geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors
Anläßlich der feierlichen Enthüllung einer Gedenktafel
Für Prof. Dr. Eugen Wolbe (6.4.1873-22.9.1938
Und Studienrat Moritz Arndt (6.7.1889 - 27.10.1942)
Moses-Mendelssohn-Oberschule
8. Mai 2003

Am Nachmittag des 30. Januar 1933 tagte gerade die Repräsentantenversammlung, das Parlament, der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße 30 in dem noch heute zu besichtigenden Repräsentantensaal. Als die Mitteilung kam, Hitler wäre zum Reichskanzler ernannt worden, wurde gerade die Frage diskutiert, ob man nicht aus Gründen der angespannten Gemeindefinanzen einer der jüdischen Schulen schließen sollte. Man Begriff diesen Tag nicht als Zeitenwende, denn die Berliner Juden hatten, wie alle anderen Deutschen auch, in den etwa 14 Jahren der Weimarer Republik schon 12 Kabinette kommen und auch wieder gehen sehen. Deshalb war die Annahme, daß sich auch diese Regierung nicht lange halten werde, nahezu die Lebenserfahrung einer Generation und hatte die Logik der Erfahrung auf ihrer Seite. Auch meine Mutter berichtet gerne, daß ihr Vater und ihr Onkel damals dieser Meinung waren. So werden die SA-Razzien in dem Quartier rund um die neue Synagoge nicht als allgemeine Alarmzeichen verstanden. Der Ausschluß jüdischer Rechtsanwälte aus Rechtsangelegenheiten der Stadt Berlin und die Aufforderungen im Völkischen Beobachter zu antijüdischen "Säuberungsaktionen" an Berliner Gerichten verdeutlichen schon im März die Richtung, die das neue Regime nimmt.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Eine Reihe von Bezirksämtern entläßt schon im März 1933 jüdische Ärzte, am 1. April findet der "Boykott" jüdischer Geschäfte, Kanzleien und Arztpraxen statt, der eine neue Welle administrativer antijüdischer Maßnahmen einleitet. Am Nachmittag des 1. April findet im Lustgarten eine Abschlußkundgebung statt auf welcher der NSDAP Gauleiter, Joseph Goebbels, seine antijüdischen Aktionen ankündigt. An städtischen Schulen werden alle jüdischen Lehrer auf Verfügung des Kommissarischen Schulrats für Berlin "beurlaubt": Das liest sich so harmlos: "die jüdischen Lehrer werden beurlaubt"; sie wurden nicht in die Sommerfrische geschickt! "Beurlaubt" ist ein Euphemismus für "aus ihren Schulen" verjagt. In der Schulchronik der hier an dieser Stelle beheimateten Fichte-Oberschule hieß es (wie wir gehört haben): "Am 3.4.1933 mußten die beiden dem Blute nach jüdischen Studienräte Wolbe und Arndt auf behördliche Anordnung beurlaubt werden." Der Satz wurde dann von einem Gesinnungsgenossen dieser Anordnung in "wurden ... beurlaubt" geändert. Was mögen die beiden gedacht haben? Wie ist das, wenn man, wie z.B. Professor Dr. Eugen Wolbe, als Fünfzigjähriger nicht nur seine Arbeit verliert, sondern von der Gesellschaft, in die man bis vor wenigen Wochen vollständig integriert war, ausgegrenzt wird? Wir können es nicht nachvollziehen, aber haben eine Vorstellung von dem Schock.

Am 10. April greifen diese Maßnahmen erstmals in das Leben der jüdischen Schüler ein, denen die Wirtschaftsbeihilfen gestrichen werden und deren Anteil an höheren Lehranstalten auf den Prozentsatz beschränkt werden soll, den Juden an der Reichsbevölkerung haben.

Viele Juden werden auf offener Straße verhaftet und in wilde Konzentrationslager gebracht. Das waren oft die Hinterzimmer von Kneipen, wo sie die SA oder SS zum "Saufen und Raufen" trafen, viele von diesen Berliner Adressen sind in der Ausstellung "Topographie des Terrors" dokumentiert, nicht wenige diese Lokale existieren noch, freilich heute eher als Pizzeria... In deren Hinterzimmer oder Keller wurden Menschen festgesetzt, terrorisiert, mißhandelt zuweilen auch getötet. Wer wieder heraus kam, war meist eine gebrochener Mensch... Terror, nackter - blanker Terror, das war die Stimmung dieser Tage. Die einen waren die, gegen die er sich richtete, und die anderen waren die, gegen die er sich nicht richtete, die aber ob der Willkür des Regimes nicht wagten ihre Stimme zu erheben, weil sie befürchtetem, sonst auch in das Visier dieses Terrors zu kommen....

Vertreter der Studentenschaft bereiteten dann mit ihrem Manifest "Wider den undeutschen Geist" die Bücherverbrennung vor, die vor aller Welt verdeutlichte, daß das Land Goethes und Schillers wieder im Mittelalter angelangt war, "Bücherverbrennungen beleuchten unseren Weg vom Dunkel ins Dämmer" (Günter Kunert). Heinrich Heine hatte angesichts der Bücherverbrennungen beim Wartburgfest im 19. Jahrhundert notiert: "Dort, wo man Bücher verbrennt", verbrennt man am Ende auch Menschen." Wie seine Notiz einmal eine Prophetie werden sollte, konnte sich damals zu Beginn der NS-Verfolgungen keiner vorstellen.

Eugen Wolbe hat nach seiner Entlassung eine "Geschichte der Juden in Berlin" geschrieben.
Über diese Zeit schreibt er:
"Auf den ersten Blick erschien die Lage der deutschen Judenheit - vor allem der ein Drittel ihrer Seelenzahl darstellenden Berliner - kulturell und wirtschaftlich recht günstig. Aber, ach es war ein trügerischer Glanz. Es war ein Kartenhaus. Jäh stürzte es unter dem Sturmwind der staatlichen Neuordnung zusammen.
Unvorbereitet standen die Juden dem Ausschluß aus einer für unauflöslich gehaltenen Volksgemeinschaft gegenüber. Dieser spontane Zusammenprall zweier in sich getrennter Welten, ja Zeitalter, mußten sich mit der Wucht eines Naturereignisses treffen. Der bisherige Weg war versperrt, die wirtschaftliche Existenz gefährdet. Und dennoch. Nach vorübergehender Lähmung führte der schwere Schlag zur Selbstbesinnung, zur inneren Sammmlung, zur Läuterung. Viele Juden entdeckten jetzt erst für sich den Kulturkreis, in den die Ausgliederung sie verwies.
[...] Sabbate und Feiertage sahen wieder dicht gefüllte Synagogen. Jüdische Bräuche wurden in längst entfremdeten Kreisen geübt, die sie nur noch vom großelterlichen Haus her kannten.[...]
Die Judenheit - zumal in Berlin - ist zur Schlichtheit und Bescheidenheit ihrer Ahnen zurückgekehrt. Freudig setzt sie nunmehr ihre Kräfte für den Wiederaufbau des jüdischen Lebens wie zur Wahrung und Vervollkommnung - jüdischer Kultur ein. Die Judenheit hat sich auf ihre religiös-geschichtliche Bestimmung besonnen."

Worte von Professor Eugen Wolbe vier Jahre nach seiner Ausgrenzung aus dieser Schule in seinem 1937 erschienenen Buch - ein Jahr vor seinem Tod, die den Versuch unternehmen, daß, was ihm und seinen Schicksalsgenossen widerfuhr, einer Erklärung zuzuführen.
Wir können heute nicht ungeschehen machen, was damals geschehen ist. Aber wir können seiner und seiner Leidensgenossen gedenken und wir wissen, daß Erinnerung das Geheimnis der Erlösung ist, denn wie Primo Levi, ein Überlebender der Nazi-Konzentrationslager sagte:
"Es ist geschehen und also kann es wieder geschehen!"
Unsere Aufgabe ist es also durch Erinnern, durch Lernen aus der Geschichte dafür zu sorgen, daß es NIE WIEDER geschieht!

Vgl. Wolbe, Eugen:
Geschichte der Juden in Berlin und der Mark Brandenburg, Berlin 1937

Gruner, Wolf:
Judenverfolgung in Berlin 1933-1945. Eine Chronologie der Behördenmaßnahmen in der Reichshauptstadt, Berlin 1996
Eine Publikation der Stiftung Topographie des Terrors

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